Die echtere Wirklichkeit

Roman von Raphaela Edelbauer

Raphaela Edelbauer legt mit Die echtere Wirklichkeit einen Roman vor, der zugleich Gegenwartsdiagnose, philosophische Versuchsanordnung und literarisches Abenteuer ist. Im Zentrum steht die junge Erzählerin Byproxy, die nach ihrer Entlassung aus dem betreuten Wohnen in ein Wien zurückkehrt, das gleichermaßen Schauplatz wie geistiger Resonanzraum wird. In Kaffeehäusern und auf offenen Markständen treibt sie durch ein urbanes Zwischenreich, bis sie einer Gruppe begegnet, die sich selbst Aletheia nennt — eine Art philosophisch ideologisierte Aktivistengruppe, die mit radikalen Mitteln für ein einziges Ziel kämpft: die absolute Wahrheit.

Die Gruppe operiert zwischen künstlerischer Intervention, politischem Kampf und einer beinahe mystischen Vorstellung von Wahrheit; ihre Aktionen reichen von Manifesten bis zu potenziell terroristischen Plänen. Edelbauer spielt virtuos mit den Spannungen zwischen Klarheit und Täuschung, Überzeugung und Wahn, Theorie und gelebter Realität. Während Byproxy sich durch harte Prüfungen – körperlich wie intellektuell – das Vertrauen der Gruppe erarbeitet, wuchern zugleich die Zweifel an ihrem inneren Antrieb, ihrer Vergangenheit und ihrer Zuverlässigkeit als Erzählerin.

Der Roman ist sprachlich reich, verlangt Aufmerksamkeit und belohnt sie mit vielschichtigen Figuren, klugen Gedankenexperimenten und einem subversiven Humor. Edelbauer gelingt es, philosophische Schwergewichte und den Zeitgeist rund um Fake News, Konstruktivismus und Wahrheitskrisen miteinander zu verweben, ohne dabei auf erzählerische Spannung zu verzichten. Wer anspruchsvolle Literatur sucht, die unsere Krisen der Wirklichkeit seziert, findet hier ein aufregend modernes Werk.

Raphaela Edelbauer

Raphaela Edelbauer, 1990 in Wien geboren, gehört zu jener seltenen Sorte Autorinnen, deren Werk vom ersten Auftritt an eine voll entwickelte Stimme erkennen lässt. Sie studierte Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst, und schon früh zeigte sich ihr Hang zu intellektueller Präzision und literarischer Kühnheit. Für ihre Poetik Entdecker gewann sie den Hauptpreis der Rauriser Literaturtage – ein Hinweis darauf, dass hier jemand schrieb, der die Sprache nicht nur beherrscht, sondern sie vermisst, verschiebt, neu auslotet.

 

Edelbauer ist eine Schriftstellerin, die sich gerne an den Rändern der Genres aufhält. Ihr Debütroman Das flüssige Land machte sie 2019 schlagartig sichtbar: eine surreale Geschichte um ein sich öffnendes Loch und ein noch größeres historisches Verschweigen. Danach zeigte sie mit DAVE, einer hochintelligenten Erzählung über künstliche Intelligenz, was Science-Fiction im literarischen Raum vermag – und erhielt dafür den Österreichischen Buchpreis. Doch wer meint, sich auf ihre Richtung verlassen zu können, wird von ihrem nächsten Werk stets eines Besseren belehrt: Historischer Roman, philosophische Spekulation, Gegenwartsanalyse – Edelbauer bewegt sich mühelos zwischen Welten, ohne je ihre Handschrift zu verlieren.

Mit Die echtere Wirklichkeit knüpft sie an diese Tradition großangelegter Romanprojekte an. Ihr Hintergrund in Philosophie zeigt sich hier besonders deutlich. Edelbauer denkt in langen Linien, scheut sich nicht vor komplexen Ideen und vertraut ihren Leserinnen und Lesern zu, mitzudenken. In ihrer Literatur wirkt sie wie eine Architektin geistiger Räume, die mit Präzision, Wagemut und einer feinen, oft ironischen Beobachtungsgabe arbeitet. So steht sie heute als eine der prägenden Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur da – eine Autorin, die Wirklichkeit nicht abbildet, sondern herausfordert.