Gemeinde Göfis
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bugo Göfis gewinnt Preis der Wüstenrot Stiftung

29.06.2026 – 21 Projekte wurden aus 811 Einreichungen ausgezeichnet

Mehr Orte für Viele

bugo Göfis gewinnt Preis der Wüstenrot Stiftung

Die Wüstenrot Stiftung setzt sich für den Erhalt kulturellen Erbes ein und entwickelt zugleich praxisnahe Modelle für zukünftige gesellschaftliche Herausforderungen. Ein besonderer Fokus liegt auf Lebensqualität, gebauter Umwelt und Kulturgütern nach 1945.
Mit dem Wettbewerbsthema „Mehr Orte für Viele“ rückt sie neue gemeinschaftliche Treffpunkte im ländlichen Raum in den Mittelpunkt. Da traditionelle Begegnungsorte zunehmend verschwinden, entstehen vielerorts selbstorganisierte „Dritte Orte“ – offene Räume zwischen Zuhause und Arbeit. Diese fördern Austausch, Zusammenhalt und demokratische Praxis.
Der Wettbewerb „Land und Leute“ zeichnete Projekte aus, die Leerstände neu nutzen, Menschen zusammenbringen und innovative Formen des Zusammenwirkens erproben. Räumliche Verteilung der 811 Einsendungen zum Wettbewerb: 750 aus Deutschland, 54 aus Österreich und 7 aus der Schweiz. 25 Projekte wurden ausgewählt und 21 prämiert. Sie zeigen beispielhaft, wie durch Engagement und Kreativität lebendige Orte entstehen. 
Mit dem Projekt „bugo – Göfis erfindet seinen Treffpunkt neu“ ist die Gemeinde Göfis eine von zwei Gemeinden in Österreich, die eine Prämierung erhielten.

bugo – Göfis erfindet seinen Treffpunkt neu
Göfis befindet sich im österreichischen Bundesland Vorarlberg nahe Feldkirch und liegt eingebettet zwischen den Ausläufern der Alpen und dem Rheintal. Die Region zeichnet sich durch ihre attraktive Lage mit Blick auf die umliegende Bergwelt aus.
Was der Jury gefällt:
Mit der bugo hat Göfis sein Dorfzentrum neu belebt und in einem ruhigen Wohn ort einen Begegnungsort geschaffen. Bücherei, Café und Veranstaltungen bringen hier Menschen aller Genera tionen zusammen – ohne Konsum zwang und bewusst offen für alle. Auch der neu gestaltete Garten trägt dazu bei, dass das Mit einander selbstverständlich wird. So ist ein inklusiver Treffpunkt entstanden, der das Dorf wieder mit Leben füllt.

bugo: die Bücherei, die ein ganzes Dorf zusammenbringt

Wer heute in die bugo geht, landet nicht in einer stillen Bücherstube. Ein Vater liest seinen Kindern auf großen Kissen vor. Am Nebentisch blättert jemand in der Zeitung. Vorne wird Kaffee ausgeschenkt, daneben stehen Sirup, Seifen und Marmeladen aus dem Ort zum Ver kauf. Draußen spielen Kinder, auf dem Platz sitzen Menschen in der Sonne. Die Bücherei ist offen, das Café auch – und niemand fragt, ob man etwas bestellt hat. So selbstverständlich wirkt das heute. Entstanden ist die bugo aus einem Problem. Göfis, 3.500 Einwohner:innen, liegt oberhalb von Feldkirch in Österreich. Ein begehrter Wohnort: sonnig, ruhig, gut an gebunden. Gerade das wurde zur Herausforderung. Kultur, Cafés und Einkaufsmöglich keiten gab es rundherum – nur nicht im Dorf selbst. Das Zentrum verlor an Leben. „Wir haben gemerkt: Wenn wir nichts tun, stirbt uns das Dorf aus“, sagt Rudolf Malin, Leiter der bugo. Damals war die Bücherei in einem schmuddeligen Lokal untergebracht, vier Stunden pro Woche geöffnet. Die Gemeinde startete deshalb ein Entwicklungs projekt: Befragungen, Arbeitsgruppen, Diskussionen mit Politik, Verwaltung und Bürger:innen. Am Ende entstand ein neuer Ort – und ein neuer Name: bugo, kurz für Bücherei Göfis.

Vier Bausteine tragen den Ort
Die bugo ist Bibliothek, Café, Dorfladen und Bühne zugleich. Der erste Baustein ist die Bücherei selbst: 12.000 Medien, rund 1.000 Neuanschaffungen pro Jahr, Bestseller, Zeitungen und Zeitschriften. Dazu Öffnungszeiten, die den Alltag der Menschen respektieren: 41 Stunden pro Woche, täglich, sogar am Sonntag und am Montagabend. Der zweite Baustein ist ein kleines Café mitten in der Bibliothek. Es gibt Kaffee, Kuchen und regionale Produkte – aber ohne Konsumzwang. Man kann lesen, warten, reden oder einfach nur da sein. Gerade diese Offenheit macht den Ort so zugänglich. Der dritte Baustein heißt Handgemacht – Erlesenes aus Göfis. Mitbürger:innen verkaufen hier ihre eigenen Produkte: Seifen, Sirupe, Schnaps, Marmeladen, Strick waren oder Nüsse aus dem Garten. „Es geht immer um Menschen“, sagt Malin. Eine ältere Frau bringt jedes Jahr ihre Walnüsse mit dem Rollwagen in die bugo. „Sie freut sich riesig, dass ihre Nüsse hier ausgestellt werden.“ Der vierte Baustein ist das Programm. Wer Bilder von einer Reise zeigen will, Musik macht oder ein Buch geschrieben hat, kann hier einen Abend gestalten. Die Bühne gehört dem Dorf.

Ein Raum, der sich nach den Menschen richtet
Was in der bugo stattfindet, wächst aus den Ideen der Menschen. Einmal im Monat heißt es „Von früher erzählt“. Alte Fotos werden projiziert, Bürger:innen berichten aus dem früheren Dorfleben. Für Zugezogene ist das mehr als unterhaltsam. Es ist eine Abkürzung ins Ortsgedächtnis. Beim Format „Mitanand singen“ schlagen alle um Punkt 19 Uhr das Liederheft auf – und singen. Kein Publikum, kein Programm, kein Vorsingen. Ein Glas Wein dazu, ein Abend in Gesellschaft. Malin nennt es ein Mittel gegen Einsamkeit. Dazu kommen Schreibwerkstatt, Spieleabende, Lesungen oder das Format „Stricken, Gugelhupf und mehr“. In jeder Schulklasse und Kindergarten gruppe steht außerdem ein bugomobil – ein fahrbares Regal mit aktuellen Büchern. Die Bücherei rollt also direkt in die Klassen. Auch Beratungsangebote finden hier Platz: Elternberatung, ein betreuter Mittagstisch oder Treffen für pflegende Angehörige. Wer kommt, muss nicht Mitglied sein. Man ist einfach da.

Ein Garten ohne Zäune
Die Wirkung der bugo bleibt nicht auf die Räume beschränkt. Hinter dem Gemeindeamt lag früher ein Parkplatz – „der hässlichste Ort im Zentrum“, sagt Malin. Die Gemeinde baute ihn zurück und schuf einen Aufenthaltsraum für Menschen. Später entstand gemeinsam mit der Bevölkerung der bugo-Garten: mit Wasserlauf, Kräutern, Obstbäumen, Sitzrondell und Pavillon. Eine Boulebahn lockt ältere Menschen an, während Kinder matschen und Jugendliche herumhängen. Alles ist offen. Es gibt keinen Zaun, keine klaren Grenzen. Kleine Wege führen durch Kirche, Friedhof und private Gärten wieder zurück ins Zentrum. Gerade diese Durchlässigkeit macht Begegnungen möglich. Ausländische Pflegekräfte treffen sich hier nach Feierabend, Familien nutzen den Garten, der Krankenpflege verein betreibt seinen Mittagstisch mit eigenem Schlüssel. Vertrauen gehört zum Konzept.

Gemeinde und Ehrenamt ziehen am selben Strang
Dass die bugo funktioniert, liegt am Zusammenspiel von Gemeinde und Ehrenamt. Alle politischen Beschlüsse dazu wurden einstimmig gefasst. Ein Team aus 15 Frauen und Männern betreibt die Einrichtung, sieben Frauen arbeiten geringfügig beschäftigt im Café. Rund ein Drittel der gesamten Arbeit geschieht ehrenamtlich: Jemand schreibt den Veranstaltungsfolder, jemand pflegt den Bücherschrank draußen, andere backen Kuchen oder kümmern sich um die Blumen.

Der Erfolg schafft neue Probleme
Ganz ohne Hürden läuft das Projekt nicht. Finanziell ist der Betrieb kein Selbstläufer, das Café trägt sich nur durch viel Engagement. Und inzwischen gibt es ein neues Problem: Platzmangel. Wenn es voll wird, fehlt manchmal genau das, was eine Bücherei braucht – Ruhe. Doch selbst das klingt in Göfis eher nach Erfolg. Heute ist die bugo mehr als eine Bücherei. Sie ist Treffpunkt, Wohnzimmer und Bühne des Dorfes zugleich. Und manchmal zeigt sich das ganz einfach: Ein Vater liegt mit seinen Kindern auf den Kissen und liest vor. Malin sagt: „Dann denke ich: Genau das ist es.“
Den Preis nahmen die stellvertretende Leiterin der bugo Bücherei, Conny Lampert und bugo-Mitarbeiterin Mag. Gabi Müller-Schöch, entgegen, die mit ihren Gatten nach Erfurt in die Zentralheize, das größte Industriedenkmal Erfurts, reisten.